Der Villani Report- eine sinnvolle Strategie zur Künstlichen Intelligenz für Frankreich und Europa

Das weltweite Rennen über künstliche Intelligenz eskaliert. Im Juli 2017 hat China seine Roadmap 1 für die Schaffung einer eigenen Industrie vorgestellt. Als Antwort auf den Hauptkonkurrenten USA, wird China bis zum Jahr 2030 ca. 150 Mrd. USD in Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz investieren. Angesichts dieses Duopols mit unterschiedlichen Vorgehensweisen, ein unregulierter Markt mit Wildwest-Methoden einiger Internetgiganten auf der einen Seite und totalitärem Staatskapitalismus auf der anderen, erhebt sich die Frage, ob es dazwischen eine sinnvolle Existenz für Europa gibt.

Während in Deutschland die Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung unkoordiniert, ziellos und oft sehr einseitig geführt wird, hat die französische Regierung unter Emmanuel Macron eine richtungsweisende Strategie zur künstlichen Intelligenz vorgelegt.

Der lesenswerte Report von Cédric Villani „For a meaningful artificial intelligence – towards a French and European strategy“ erstreckt sich über 152 Seiten und umfasst die Themengebiete unseres Themas Mensch-Sein mit Algorithmen vollständig. Er zeigt zudem Querbezüge auf, die bisher wenig beachtet wurden, die aber gleichzeitig zum Erfolg oder Misserfolg dieser Technologie entscheidend beitragen. Der Autor, Cédric Villani, der vom französischen Präsidenten mit der Aufgabe betraut wurde, ist Mathematiker und gehört zur Elite der französischen Wissenschaft. Im Jahr 2010 erhielt er die Fields-Medaille und bei den Parlamentswahlen 2017 wurde er für die Partei La République en Marche  zum Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt. Die tiefgründigen Aussagen in diesem Report sind also kein Zufall. Mit einem Expertenteam ist Villani zuvor rund um die Welt gereist, um sich im Gespräch mit den führenden KI-Forschern ein Bild über den gegenwärtigen Stand und die Zukunft der künstlichen Intelligenz zu machen. Im Ergebnis zeigt er eine machbare Strategie auf, die sich an den Wertvorstellungen der Europäischen Gesellschaften orientiert und die die Negativerscheinungen begrenzt. Das wird viel Geld kosten und nicht ohne staatliche Intervention abgehen.

Im Vergleich zur deutschen Diskussion fällt die Klarheit und Richtungsweisung wohltuend auf und die französische Regierung zeigt deutlich, dass sie dabei ist auf diesem Gebiet die Führung in Europa zu unternehmen.

Grober Abriss über die Themengebiete und Kernaussagen.

I. Aufbau einer datenorientierten Wirtschaft und Industriepolitik
Eine sinnvolle KI bedeutet, dass wir den Weg nach vorne kennen. Dies ist das Ziel einer Industriepolitik, die vier strategische Sektoren umfasst: Gesundheit, Ökologie, Verkehr / Mobilität und Verteidigung / Sicherheit. Diese Sektoren haben mehrere Gemeinsamkeiten: Sie dienen dem Gemeinwohl und adressieren die großen Herausforderungen unserer Zeit.

Sie können einen komparativen Vorteil für Frankreich und Europa darstellen und sie erfordern alle staatlichen Eingriff für ihre Strukturierung. Diese Sektoren werden durch präzise und spezifische Innovationspreise entwickelt, Auszeichnungen, die wichtige Ziele und auch eine aggressive Datenpolitik festlegen.

Der Nutzen von Daten, die für die Entwicklung der KI von zentraler Bedeutung sind, wird derzeit von einer Reihe weniger wichtiger Interessengruppen wahrgenommen, die ihre Innovationskapazitäten tendenziell auf ihre immer leistungsfähigeren Unternehmen beschränken. Es wird nur möglich sein, das Gleichgewicht der Macht wiederherzustellen, indem man den Umlauf dieser Daten erweitert; davon würden nicht nur die öffentlichen Behörden, sondern auch die kleinsten Akteure in der Wirtschaft profitieren.

Schließlich muss die wirtschaftliche Entwicklung der künstlichen Intelligenz die Ökologie zu ihrer obersten Priorität machen. Dies ist für diesen Sektor von entscheidender Bedeutung: Innovationen bei der künstlichen Intelligenz könnten genutzt werden, um den Energieverbrauch und das Recycling zu optimieren und ein besseres Verständnis der Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt zu erreichen.

II. Förderung einer agilen und Aktivierung der KI-Forschung
Um der beständigen Abwanderung von Talenten in die Industrie, vor allem in die USA zu begegnen müssen die Arbeitsbedingen und vor allem die Bezahlung drastisch verbessert werden. Zudem wird erkannt, dass KI ein Querschnittsthema ist, es werden daher Wissenschaftler in einer Reihe neu zu gründenden interdisziplinären Forschungsinstituten zur Künstlichen Intelligenz zusammengeführt.

III. Untersuchung der Auswirkungen der KI auf die Zukunft der Arbeit und des Arbeitsmarkts. Erprobung adäquater politischer Antworten
Es bestehen beträchtliche Unsicherheiten über die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz, Automatisierung und Robotik, insbesondere auf die Schaffung neuer und Vernichtung von bestehenden Arbeitsplätzen.

Eine sinnvolle KI darf kein Selbstzweck sein. Ihre Entwicklung sollte mehrere Überlegungen berücksichtigen. Erstens, die Notwendigkeit, Wege zu formulieren, auf denen Menschen und intelligente Systeme zusammenarbeiten können. Ob auf individueller oder auf kollektiver Ebene, diese Komplementarität kann verschiedene Formen annehmen und könnte ebenso bedrohend wie befreiend sein. Die Notwendigkeit, eine Komplementarität zu schaffen, sollte im Mittelpunkt der Entwicklung der KI stehen, da sie die Entautomatisierung menschlicher Aufgaben ermöglichen würde. Um die Überführung von Aufgaben und Berufen in diese Richtung zu fördern, sollten in allen Gemeinschaften Experimente durchgeführt werden, die sich insbesondere auf die von der Automatisierung am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen konzentrieren.

  • Vorausschauend soll ein öffentliches Labor für Arbeitsumwandlungen eingerichtet werden. Die oberste Priorität besteht darin, sicherzustellen, dass die Fähigkeit zu antizipieren nachhaltig, kontinuierlich und vor allem mit öffentlichen Maßnahmen artikuliert wird. Hier sollte das Wissen zusammengeführt werden, um schnell und flexibel Trainingsprogramme aufzusetzen für diejenigen Sektoren, die am stärksten von den Veränderungen betroffen sind.
  • Es sollen neue Methoden der beruflichen Fortbildung erprobt werden, bei denen auch im Rahmen eines sozialen Dialogs die Wertschöpfung durch Fortbildung neu betrachtet wird.
  • Erhöhung des Ausbildungs- und Kenntnisstands in KI für jeden Bildungsgrad.
    Die Zahl der in Frankreich in den nächsten drei Jahren in künstlicher Intelligenz ausgebildeten Personen soll verdreifacht werden, indem dafür gesorgt wird, dass sich bestehende Ausbildungsprogramme einerseits stärker auf die KI konzentrieren, andererseits aber auch neue Programme und Kurse aufgelegt werden, z.B. Jura-KI gemeinsame Abschlüsse, allgemeine Module usw. Alle Studiengänge sollten einbezogen werden, Bachelor, Master, Promotion.

IV. Künstliche Intelligenz unter Berücksichtigung einer ökologischen Wirtschaft
Eine sinnvolle Rolle für die künstliche Intelligenz herauszuarbeiten, bedeutet auch, ihre Nachhaltigkeit insbesondere aus ökologischer Sicht anzusprechen. Dies bedeutet nicht nur, die Anwendung von KI in unserem ökologischen Übergang zu berücksichtigen, sondern vielmehr eine nativ ökologische KI zu entwerfen und sie zu nutzen, um die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt zu bekämpfen. KI erfordert einen massiven Ausbau von Höchstleistungsrechnern, schnellen Leitungen und schnell wachsende Datenspeicher. Bei anhaltendem Boom führt das zu einem schnell wachsenden Energiebedarf, der mittelfristig das verfügbare Energieangebot (und den damit verbundenen CO2 Eintrag in die Atmosphäre) übersteigen wird. Ebenso stoßen wir an die Grenzen der weltweit verfügbaren Siliziumproduktion.

Die Möglichkeiten der KI werden sich nicht entfalten, wenn nicht durch koordinierte Anstrengungen in extrem sparsame Chips, neue Energie sparende Rechnerarchitekturen und alternative leistungsfähige Speicher investiert wird.

V. Ethische Überlegungen zur KI
Wenn wir KI-Technologien entwickeln wollen, die unseren Werten und sozialen Normen entsprechen, dann ist es wichtig, jetzt zu handeln, um die wissenschaftliche Gemeinschaft, Behörden, Industrie, Unternehmer und Organisationen der Zivilgesellschaft aufzurütteln.

Schließlich darf unsere digitale Gesellschaft nicht von Black-Box-Algorithmen gesteuert werden. Künstliche Intelligenz wird eine entscheidende Rolle spielen in kritischen Bereichen des menschlichen Wohlergehens (Gesundheit, Bankwesen, Wohnen usw.), und derzeit besteht ein hohes Risiko, bestehende Diskriminierungen in KI-Algorithmen einzubetten oder neue Bereiche zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Darüber hinaus besteht das Risiko, dass sich durch die Normalisierung Einstellungen verbreiten, die zur generellen Entwicklung von Algorithmen in der künstlichen Intelligenz führen könnten. Es sollte möglich sein, diese Black Boxes zu öffnen, aber auch im Voraus ethischen Fragen zu bedenken, die durch Algorithmen in der künstlichen Intelligenz aufgeworfen werden. Forscher und Entwickler sind aufgerufen das Prinzip „Ethics by Design“ zu befolgen.

Eine sinnvolle Anwendung der KI impliziert schließlich, dass diese erklärbar sein sollte. Diese Technologie muss der Öffentlichkeit erklärt werden können, um sie zu entmystifizieren – und die Rolle der Medien ist aus dieser Sicht wichtig -, sie betrifft aber auch die KI-Forschung selbst, damit diese in den Bereich der Erklärbarkeit ausgedehnt wird.

Villani empfiehlt die Schaffung einer Ethik-Kommission für digitale Technologie und KI, die für die Gesellschaft offen ist. Dieses Gremium wäre dafür verantwortlich, die öffentliche Diskussion auf transparente Weise zu führen und  Gesetzesvorhaben zu organisieren und zu regeln. Es sollte mit den verschiedenen Sektoren der Wirtschaft zusammenarbeiten und kurzfristige Überlegungen wie wirtschaftliche und industrielle Auswirkungen mit der Fähigkeit verbinden, einen Schritt zurückzutreten und langfristig zu denken.

VI. Inklusive und vielseitige KI
Künstliche Intelligenz darf kein neuer Weg sein, Teile der Bevölkerung auszuschließen. In einer Zeit, in der diese Technologien zum Schlüssel für die Öffnung der Welt der Zukunft werden, ist dies eine demokratische Forderung. KI schafft enorme Möglichkeiten für die Wertschöpfung und die Entwicklung unserer Gesellschaften und Individuen, aber diese Chancen müssen allen zugute kommen.

In einer von Ungleichheit geprägten Welt sollte künstliche Intelligenz die Probleme der Ausgrenzung und der Konzentration von Reichtum und Ressourcen nicht noch verstärken. In Bezug auf KI sollte eine Politik der Inklusion ein doppeltes Ziel erfüllen: sicherstellen, dass die Entwicklung dieser Technologie nicht zu einem Anstieg der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit beiträgt; und mit KI helfen, diese Probleme wirklich zu reduzieren. Anstatt unsere individuellen Lebenswege und unsere Sozialsysteme zu untergraben, sollte die oberste Priorität der KI darin bestehen, unsere grundlegenden Menschenrechte zu fördern, die sozialen Beziehungen zu stärken und die Solidarität zu stärken. Innerhalb dieser Prioritäten sollte auch die Vielfalt berücksichtigt werden. In dieser Hinsicht ist die Situation im digitalen Sektor alarmierend, wobei Frauen sehr schlecht vertreten sind. Ihre Unterrepräsentation könnte zur Verbreitung von geschlechtsspezifischen Algorithmen führen.

Referenzen

Villani Report
https://www.aiforhumanity.fr/pdfs/MissionVillani_Report_ENG-VF.pdf

Emmanuel Macron zur digitalen Zukunft der Arbeit – Interview für das WIRED Magazin
https://www.piqd.de/zukunft-der-arbeit/emmanuel-macron-zur-digitalen-zukunft-der-arbeit-wir-mussen-teil-der-digitalen-disruption-werden

Vorstellung der französischen Strategie zur Künstlichen Intelligenz durch Emmanuel Macron, 29. März 2018 im College de France, Paris
https://www.pscp.tv/w/1RDGldoaePmGL

 

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Gerhard Schimpf, the recipient of the ACM Presidential Award 2016, has a degree in Physics from the University of Karlsruhe. As a former IBM development manager and self-employed consultant for international companies, he has been active in ACM for over four decades. He was a leading supporter of ACM Europe, serving on the first ACM Europe Council in 2009. He was also instrumental in coordinating ACM’s spot as one of the founding organizations of the Heidelberg Laureates Forum. Gerhard Schimpf is a member of the German Chapter of the ACM (Chair 2008 – 2011) and a member of the Gesellschaft für Informatik. --oo-- Gerhard Schimpf, der 2016 mit dem ACM Presidential Award geehrt wurde, hat an der TH Karlsruhe Physik studiert. Als ehemaliger Manager bei IBM im Bereich Entwicklung und Forschung und als freiberuflicher Berater international tätiger Unternehmen ist er seit 40 Jahren in der ACM aktiv. Er war Gründungsmitglied des ACM Europe Councils und gehört zum Founders Club für das Heidelberg Laureate Forum, einem jährlichen Treffen von Preisträgern der Informatik und Mathematik mit Studenten. Gerhard Schimpf ist Mitglied des German Chapter of the ACM (Chairperson 2008 – 2011) und der Gesellschaft für Informatik.


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