Gespräch mit Thomas Matzner über die digitale Transformation

 

Thomas Matzner ist ehemaliger Chairman des German Chapter of the ACM. Beim Symposium Mensch-Sein mit Algorithmen wird er das Panel moderieren. Gerhard Schimpf hat ihn zum Thema digitale Transformation befragt.

Gerhard Schimpf (GS): Thomas, vielen Dank, dass Du Dich für ein Interview über das Themengebiet unseres Symposiums zur Verfügung gestellt hast. Einige Leser kennen Dich vielleicht noch nicht. Würdest Du Dich bitte vorstellen und uns Einblick in Deine gegenwärtige Arbeit geben?

Thomas Matzner (TM): Zunächst einmal: Es ist mir eine Ehre, zu dieser Veranstaltung aktiv beitragen zu dürfen.

Ich bin selbständiger Business Analyst und unterstütze meine Kunden bei der Konzeption ihrer Informationssysteme. Derzeit bin ich Integrationsverantwortlicher für eine Anwendung zum Kundendatenmanagement. Da sind natürlich die neuen Datenschutzvorschriften ein bedeutendes Thema.

GS: Welche Entwicklung brachte Dich zur Informatik und welchen Auswirkungen der zurzeit sichtbaren digitalen Transformation sollten wir die größte Aufmerksamkeit widmen?

TM: Schon als Schüler interessierte ich mich für Programmierung. Damals war ein Computer nichts, was man im Geschäft kaufen konnte. Ich fasste den Mut, einen Universitätsdozenten, Christoph von Conta, zu fragen, ob ich an der PERM, einem Röhrenrechner an der TU München, üben dürfte. Er nahm mich begeistert in seine Vorlesung auf, und ich bewahre den Schein mit Note 1,7, den ich zwei Jahre vor dem Abitur bekam, als Trophäe auf.

Hmmm, die digitale Transformation… Meine Kunden verhalten sich so wie seit jeher: Wenn ihnen eine Investition in ein Informatikprodukt lohnend erscheint, rechnen sie mit spitzem Stift und beauftragen den billigsten Anbieter. Die Preise für Hardware sind im freien Fall; eine Stunde Dienstleistung kostet so viel wie vor 30 Jahren. Das deutet nicht auf eine besondere Bedeutung der Informatik für den Rest der Welt hin. Anders sehen das vor allem die Medien, die News bringen müssen, und die IT-Industrie selbst, die sich wichtigmacht.

Wenn überhaupt, hat die Transformation schon stattgefunden, als das Internet und das Smartphone weite Verbreitung fanden. Vielleicht wird das selbstfahrende Auto unser Leben noch einmal durcheinanderrütteln.

GS: Wie beeinflusst das Deine Arbeit und auf welche Weise wirkst Du selbst an der digitalen Transformation mit?

TM: Während meines ganzen Berufslebens war ich nie dort, wo die Hypes waren. Das spricht entweder gegen mich oder gegen die Hypes. Meinen Kunden helfe ich bei kleinen Schritten zu ihren Geschäftszielen.

Das ist nicht so frustriert gemeint, wie es vielleicht klingt. Wir Informatiker schaffen viel Nutzen, haben nur Nachholbedarf, wenn es um die überzeugende Darstellung geht. “Digitalisierung” machen wir seit der Zuse Z3, also seit mehr als 70 Jahren. “Big Data” und “Künstliche Intelligenz” bezeichnen technische Fähigkeiten, aber sie versprechen nichts, sie schüchtern eher ein. Oder würdest Du Dein Lieblingsrestaurant danach aussuchen, ob es ein Induktionskochfeld einsetzt?

GS: Welche Chancen verbindest Du mit der digitalen Transformation in unserer Gesellschaft?

TM: Ich kann das nur auf einer konkreten, alltäglichen Ebene beschreiben. Wenn ich vor 20 Jahren in einer Stadt Urlaub machte und gerne in ein Konzert gegangen wäre, war es vor Ort schwierig, das Angebot herauszufinden, und meist war schon alles ausverkauft. Heute kann ich Wochen vorher alles erkunden und Tickets kaufen. Das gleiche gilt etwa für Verkehrsverbindungen. Die Möglichkeit, eine enorme Vielzahl von Informationen weltweit unkompliziert zu erhalten, hat viele Bereiche unseres Lebens vereinfacht.

Aber Du fragst ja nach gesellschaftlichen Auswirkungen. Da wird es schwierig. Es gibt eine Reihe grundlegender nichtdigitaler Werte, die unser Verhalten bestimmen, etwa Liebe oder Zuverlässigkeit. Deswegen finde ich auch diesen Transformations-Hype übertrieben. Es gibt die Idee und den Kanal, über den sie vermittelt wird. Der Kanal mag neu und aufregend sein – wenn wir uns an ihn gewöhnt haben, wird wieder die Idee den Ausschlag geben. Ein Politiker oder eine Bürgerinitiative mögen sich am Marktplatz, im Fernsehen oder auf Twitter präsentieren – letztlich traue ich meinen Mitmenschen zu, von dem Kanal zu abstrahieren und die Substanz der Botschaft zu erkennen.

Eine Hoffnung bei der großen Vernetzung war ja die Demokratisierung des Diskurses. Tatsächlich können heute sehr viele Menschen ihre Beiträge veröffentlichen. Aber was wird davon wahrgenommen? Je unübersichtlicher das Angebot, umso wichtiger werden bekannte Namen, etwa von Medien, Politikern oder Unternehmen.

GS: Auf der Negativseite und besonders im Kontext Mensch-Sein mit Algorithmen, welche Risiken siehst Du?

TM: Die Risiken sind ein ganz spannendes Thema. Wer Daniel Kahneman gelesen hat, weiß, dass wir Risiken intuitiv meist falsch einschätzen. Also bräuchten wir eine belastbare empirische Basis für die schädlichen Wirkungen von Informatikprodukten. Die gibt es aber nicht. Zum Vergleich: Wir haben ca. 3000 Verkehrstote pro Tag in Deutschland. Damit haben wir uns weitgehend abgefunden, versuchen zwar erfolgreich, die Zahl kontinuierlich zu senken, trauen uns aber täglich auf die Straße. Bei Risiken der Informatik haben wir keinerlei empirische Basis. Wir wissen etwa bei Datenskandalen zwar, wie viele Datensätze in falsche Hände gerieten, kennen aber kaum einen Schaden an Leben, Gesundheit, Eigentum oder zerstörtem Ruf. Das öffnet die Tür für Spekulationen und Worst-Case-Szenarien. Die einen sind völlig sorglos, die anderen betreiben Alarmismus. Ich kann nur sagen: Ich weiß es nicht. Wenn alle anderen, die es nicht wissen, das auch zugeben würden, könnte es zu einer sachlichen Diskussion kommen.

GS: Wer trägt Deiner Meinung nach die Verantwortung, um diese Risiken zu begrenzen?

TM: In der Technikethik kennt man die Hersteller- und Nutzerverantwortung, in der Medienethik die Autoren- und Rezipientenverantwortung. Anstatt etwa das Veröffentlichen zweifelhafter Botschaften zu verbieten – was wiederum die Gefahr der Zensur eröffnen würde -, verlangt man vom Rezipienten, kritisch zu überlegen, von wem die Botschaft kommt, ob man seine Identität kennt, ob man ihm vertrauen kann, welche Interessen er hat. Jedes Medium hat seine Verführungsmechanismen, egal ob Wahlplakat, Fernsehwerbung oder Facebook-Post. Ich vertraue auf die Urteilsfähigkeit meiner Mitmenschen, nach einer Eingewöhnungsphase auch bei neuen Kanälen die misstrauische Frage zu stellen, ob Urheber und Inhalt der Botschaften vertrauenswürdig sind.

Weniger gut sieht es mit der Nutzerverantwortung bei werbefinanzierten Angeboten aus. Die führen zu allerhand Auswüchsen, etwa zu Angeboten mit Suchtpotential, um die Leute möglichst lange auf der Site zu halten. Da wäre eine Bezahlalternative für alle Seiten lohnend, hat aber kaum Chancen, weil der Lockruf “umsonst” einfach zu verführerisch ist. Hier wie in anderen Lebensbereichen achten wir zwar auf unser Geld, gehen mit unserer Zeit jedoch recht sorglos um. Dabei können wir Einkommen und Vermögen mit Talent und Glück deutlich vermehren, unsere Lebenszeit jedoch kaum. Deshalb wundert mich, warum die Vertreter der klassischen Medien ihre Leistung nicht viel offensiver verkaufen: “Leute, wollt ihr ewig suchen? Bei uns bekommt ihr geprüfte Information. Bei uns wird das Unwichtige aussortiert. Bei uns wird schlüssig erklärt.”

GS: Thomas, vielen Dank für diese Ausführungen. Wir freuen uns darauf Dich im September in Heidelberg zu treffen.

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Gerhard Schimpf, the recipient of the ACM Presidential Award 2016, has a degree in Physics from the University of Karlsruhe. As a former IBM development manager and self-employed consultant for international companies, he has been active in ACM for over four decades. He was a leading supporter of ACM Europe, serving on the first ACM Europe Council in 2009. He was also instrumental in coordinating ACM’s spot as one of the founding organizations of the Heidelberg Laureates Forum. Gerhard Schimpf is a member of the German Chapter of the ACM (Chair 2008 – 2011) and a member of the Gesellschaft für Informatik. --oo-- Gerhard Schimpf, der 2016 mit dem ACM Presidential Award geehrt wurde, hat an der TH Karlsruhe Physik studiert. Als ehemaliger Manager bei IBM im Bereich Entwicklung und Forschung und als freiberuflicher Berater international tätiger Unternehmen ist er seit 40 Jahren in der ACM aktiv. Er war Gründungsmitglied des ACM Europe Councils und gehört zum Founders Club für das Heidelberg Laureate Forum, einem jährlichen Treffen von Preisträgern der Informatik und Mathematik mit Studenten. Gerhard Schimpf ist Mitglied des German Chapter of the ACM (Chairperson 2008 – 2011) und der Gesellschaft für Informatik.


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