Interview mit Michael Mörike

Michael Mörike (Foto Gerhard Schimpf)

 

Michael Mörike ist Physiker und hat 54 Jahre Erfahrung im Bereich der IT. Zurzeit ist er Vorstand der Integrata Stiftung in Tübingen. Ihn beschäftigt die Auswirkung der KI auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft sowie die damit verbundenen Fragestellungen der Ethik.

Gerhard Schimpf hat ihn zum Thema digitale Transformation befragt.

Gerhard Schimpf (GS): Lieber Herr Mörike, vielen Dank, dass Sie sich für ein Interview über das Themengebiet unseres Symposiums zur Verfügung gestellt haben. Einige Leser kennen Sie vielleicht noch nicht. Könnten Sie sich bitte vorstellen und uns Einblick in Ihre gegenwärtige Arbeit geben?

Michael Mörike (MM):

Schon während meines Physikstudiums (1963-1969) habe ich mich mit EDV beschäftigt, wie das damals hieß. 1964 habe ich mein erstes Projekt durchgeführt. Nach vielen EDV-Arbeiten für die Uni Tübingen habe ich 1978 eine Firma gegründet, die dann 1983 in die Integrata Unternehmensberatung einging. Es folgten große Projekte (z.B. BTX und Nivadis) und Bücher über die Trends der IT. Seit meiner Rente im Jahr 2008 bin ich nun Vorstand der Integrata-Stiftung und verbreite von dieser Position aus die Idee der humanen Nutzung der IT. Das bedeutet heute, dass wir die Ethik für die KI in den Mittelpunkt unserer Bemühungen stellen. Wir halten Vorträge und veranstalten Kongresse – wie Sie auch – und versuchen in der bwcon die Firmen in Baden-Württemberg in diese Richtung zu motivieren.

GS: Welche Beziehung haben Sie zur Informatik und welchen Auswirkungen der zurzeit sichtbaren digitalen Transformation sollten wir die größte Aufmerksamkeit widmen?

MM:

Als Informatiker bin ich Autodidakt, denn als ich damit begonnen habe, gab es die Informatik im heutigen Sinn noch nicht. Ich habe Rechner gekoppelt und dafür eigene Protokolle erfunden, bevor die Informatik in den Unis gestartet war. Meine Protokolle waren dafür auch nicht wirklich gut oder stabil. Später habe ich in BTX dann an den EHKP mitgearbeitet. Die Informatik macht Modelle von (Teilen von) der Welt und baut damit Maschinen. Das ist sehr ähnlich zur Physik. Dazu ließe sich noch viel sagen.

Der größte Schub kommt aktuell mit den Neuronalen Netzen. Ich vergleiche das Ergebnis gerne mit den Emergenzen in der Physik. Aktuell ist eine wichtige Frage, wie Ergebnisse oder Entscheidungen von NN begründet werden können. Wir müssen erst noch lernen, damit umzugehen. Und wenn KI Entscheidungen über Menschen trifft, dann stellen sich automatisch immer ethische Fragen. Wie können wir Ethik in KI einbauen? Wenn uns das nicht gelingt, werden die Entscheidungen der KI nicht zu unserem Wohl ausfallen. Ich hätte da so einige Vorschläge. Aber wahrscheinlich sind sie nicht wirklich gut und stabil – wie damals meine Kommunikationsprotokolle.

GS: Wie beeinflussen diese Überlegungen Ihre Arbeit und auf welche Weise wirken Sie selbst an der digitalen Transformation mit?

MM:

Ich möchte gerne noch etwas bewirken. Da ich aber alt bin, fühle ich mich gehetzt. Vielleicht haben wir auch wirklich nicht viel Zeit, denn die Entwicklung der KI geht vermutlich exponentiell – anders als die meisten früheren technischen Entwicklungen.

Andererseits berate ich junge Firmen und spreche mit denen Geschäftsmodelle durch im Hinblick auf Digitalisierung –nach dem Motto: Wenn schon, dann aber richtig. Dabei erlebe ich immer wieder, dass wirklich viele Menschen die Grundgedanken der Digitalisierung (noch) nicht wirklich verstanden haben, nämlich die Information (Daten) in den Mittelpunkt zu stellen und alles Übrige drum rum zu organisieren.

GS: Welche Chancen zu einer positiven Veränderung und Verbesserung der Lebensqualität in unserer Gesellschaft verbinden Sie mit der digitalen Transformation?

MM:

Wir können mehr und mehr Arbeiten auf Maschinen übertragen. Das erleichtert uns das Leben und wir können uns schöneren und interessanteren Dingen widmen. Die Maschinen können unsere Gesundheit erhalten helfen, so dass wir länger leben dürfen. Und wir können mit mehr Menschen kommunizieren und uns international verständigen – wenn wir es denn wollen.

GS: Auf der Negativseite und besonders im Kontext Mensch-Sein mit Algorithmen, welche Risiken sehen Sie für das Mensch-Sein?

MM:

Wir übertragen mehr und mehr Arbeiten auf Maschinen. Nun lassen wir uns auch beim Denken von Maschinen unterstützen. Das macht uns bequem. Wer arbeitet heute noch körperlich hart und täglich 16 Stunden, wie das früher üblich war? Derweil flüchten wir uns in die Welt der Spiele. Die Verantwortung für unsere Existenz (Nahrungsbeschaffung, Gesundheit) geht schleichend an Maschinen über. Unser bewusstes „Leben“ spielt sich immer mehr in Scheinwelten ab. Die Realität und unser Körper werden uns lästig. Auf dem Weg dorthin beanstanden wir zu Recht aber nur halbherzig unsere verlorene Privatsphäre. Aber das wird vorbeigehen.

Mich treibt die Frage: Können wir uns in den sozialen Netzen verabreden und gegen eine übermächtig werdende KI bestehen? Sicher nicht, wenn die KI die sozialen Netze steuert. Die Frage ist also, wie wir es denn verhindern können. Ich meine, es geht nur, indem wir der KI von Anfang an Ethik beibringen.

GS: Wer trägt Ihrer Meinung nach die Verantwortung, um diese Risiken zu begrenzen?

MM:

Letztlich sind wir als ganze Gesellschaft dafür verantwortlich, weil wir die Produkte kaufen und nutzen. Aber auch Unternehmen tragen Verantwortung dafür, wenn sie uns die Produkte anbieten und deren Risiken verschweigen. Die Ingenieure und Informatiker in den Firmen sollten die Produkte so gestalten, dass eine verantwortbare Ethik darin eingebaut ist: Ethics by Design.

Mit unserem Stuttgarter Zukunftssymposium zu Ethik und KI am 23./24.11. wollen wir die gewünschte Ethik mit der Zivilbevölkerung diskutieren. Mit Ihrem Kongress Mensch sein mit Algorithmen in Heidelberg möchten Sie – wenn ich es richtig verstanden hab – die Informatiker in das Thema einbinden. Ich find es gut, wenn wir von beiden Seiten her kommen. Jede Initiative dafür ist hilfreich.

GS: Lieber Herr Mörike, vielen Dank für diese lesenswerten Ausführungen.

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Gerhard Schimpf, the recipient of the ACM Presidential Award 2016, has a degree in Physics from the University of Karlsruhe. As a former IBM development manager and self-employed consultant for international companies, he has been active in ACM for over four decades. He was a leading supporter of ACM Europe, serving on the first ACM Europe Council in 2009. He was also instrumental in coordinating ACM’s spot as one of the founding organizations of the Heidelberg Laureates Forum. Gerhard Schimpf is a member of the German Chapter of the ACM (Chair 2008 – 2011) and a member of the Gesellschaft für Informatik. --oo-- Gerhard Schimpf, der 2016 mit dem ACM Presidential Award geehrt wurde, hat an der TH Karlsruhe Physik studiert. Als ehemaliger Manager bei IBM im Bereich Entwicklung und Forschung und als freiberuflicher Berater international tätiger Unternehmen ist er seit 40 Jahren in der ACM aktiv. Er war Gründungsmitglied des ACM Europe Councils und gehört zum Founders Club für das Heidelberg Laureate Forum, einem jährlichen Treffen von Preisträgern der Informatik und Mathematik mit Studenten. Gerhard Schimpf ist Mitglied des German Chapter of the ACM (Chairperson 2008 – 2011) und der Gesellschaft für Informatik.


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