Wenn Technologie allein alles bestimmt, können wir nur in den Wald ziehen …


“Mythen der Digitalisierung” war der Titel eines Vortrags, der mich auf Prof. Sascha Friesike aufmerksam machte. Sascha Friesike forscht als Assitant Professor am KIN Center for Digital Innovation der VU Universität Amsterdam und als assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Seine Forschung beschäftigt sich damit, wie Neues entsteht, konkret schaut er sich an, was die Digitalsierung für die Wissenschaft bedeutet und wie sich kreative Prozesse im Zuge der Digitalisierung wandeln.

Die Veranstaltung zu den Mythen der Digialisierung übertraf meine Erwartungen weit, denn Sascha Friesike sprach nicht nur flüssig und frei sondern nutzte seine wenigen Power Point Folien nur, um einen Faden durch den Vortrag zu spinnen und einige Aussagen zu illustrieren. Mythen bezüglich der Digitalisierung wie “Wissen ist überall verfügbar”, “Man kann Innovationen gar nicht überschätzen”, “Wir brauchen JETZT eine App” oder “Künstliche Intelligenz wird Kreativität ersetzen” entzauberte er mit Ergebnissen gründlicher Forschung und anhand zahlreicher Beispiele. Ich freue mich daher sehr, dass mir Herr Friesike Zeit für ein Interview für unseren Blog geschenkt hat.

Herr Friesike, Sie sind Ingenieur und forschen als Professor am KIN Center for Digital Innovation. Sie beschäftigen sich intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Organisationen. Was macht die Digitalisierung mit Organisationen?
Das ist halt schon wieder so ein Mythos der Digitalisierung, dass die Digitalisierung etwas macht. Sie hat ja keinen Selbstzweck, keine Agenda. Menschen setzen Technologien ein, nicht immer funktioniert das so, wie man sich das vorstellt, gerade mit digitalen Technologien geht beim Einsatz eine Menge falsch und gut gemeinte Anwendungsfälle funktionieren dann nicht richtig oder erzeugen ungewollte Nebeneffekte. Was man aber klar sagen kann, das ist, dass es im Zuge der Digitalisierung einen grundlegenden Wandlungsprozess in unseren bestehenden Organisationen gibt und sich zudem neue digitale Organisationsformen entwickeln. Für mich als Kind der 90er ist das jetzt nichts Neues, das Netz spielt schon lange eine wesentliche Rolle in unser aller Leben, aber was mit der aktuellen Debatte über „Digitalisierung“ eigentlich immer gemeint ist, das ist der Grad an Vernetzung, den wir heute erreicht haben und sich dadurch Arbeits- aber auch Lebenspraktiken verändern.

Was bedeutet das für die Menschen in den Organisationen?
Man kann eigentlich sagen, dass die Digitalisierung das konsequent weiterführt, was im Zuge der Automatisierung – denken wir mal an Fabriken – begonnen wurde. Tätigkeiten, die in gewisser Weise einer Routine unterliegen, werden automatisiert. Während Routine in der klassischen Automatisierung beispielsweise das Bewegen von Gegenständen war, hat sich der Begriff deutlich ausgeweitet. Vieles was Juristen oder Steuerberater tun, sind Routinetätigkeiten, die im Digitalen automatisiert oder zumindest unterstützt werden. Als Konsequenz verändern sich Tätigkeiten, der Fokus verschiebt sich hin zu zwei wesentlichen Themen, die wir nicht digitalisiert bekommen und das ist Kreativität und Empathie.

Kreativität bedeutet in diesem Sinne das Ausbrechen aus bestehenden Regeln, beziehungsweise das Schaffen von neuen Regel, die dann später automatisiert angewendet werden können. Während uns, wenn wir Kreativität denken, vielleicht als erstes Künstler in den Sinn kommen, verstehe ich diesen Begriff hier weiter. Ich meine damit jede Tätigkeit, bei der etwas Neues entsteht. Um beim Beispiel Steuerberater zu bleiben: viele Buchungen sind Routine, aber wie man mit dem Sonderfall umgehen soll, kann die Maschine nicht klären. Jedenfalls bis auf Weiteres nicht.

Und Empathie bedeutet, dass Menschen mit Menschen arbeiten. Das sehen wir zum Beispiel bei Juristen, wo ein wesentlicher Teil ihrer Tätigkeit nicht das Nachschlagen von Gesetzen ist, sondern die Zusammenarbeit mit Klienten: telefonieren, beruhigen, händchenhalten und so weiter.

Im Vortrag nannten Sie für Veränderungen in der Zusammenarbeit das Beispiel der Chirurgin, die nicht mehr direkt am OP-Tisch steht sondern vom Bildschirm aus das Skalpell führt. Was hat das für Konsequenzen?
Eine Kollegin von mir hat sehr ausführlich zu OP-Robotern geforscht und sich dabei angeschaut, was in einem Team passiert, wenn plötzlich ein Roboter operiert, der von einem Menschen außerhalb des OPs gesteuert wird. Spannend ist vor allem, wie sich die Interaktion im OP ändert. Während die Chirurgin vorher den Ton angegeben hat und dem Anästhesisten und der Krankenschwester gesagt hat, was zu tun ist, ändert sich durch die Einführung der Technologie die Praxis, in der zusammengearbeitet wird. Das bedeutet es braucht einen Aushandlungsprozess darum, wie jetzt gearbeitet wird und genau das stellt das ganze Team vor eine Herausforderung, die jenseits der Technologie liegt.

“Wir müssen von Startups lernen” ist auch ein Mythos-Satz, den Sie in Frage stellen. Können Sie das bitte etwas erläutern?
Die Betonung liegt hier auf müssen. Natürlich kann man von einem Startup etwas lernen. Es hat sich nur in letzter Zeit in deutschen Führungsetagen das Gefühl eingestellt, dass Startups nicht mit Wasser kochen, sondern da eine ganz besondere Sauce hätten. Und ich beobachte als Konsequenz immer wieder das gleiche Verhalten: Eine Gruppe von alten, fast ausschließlich männlichen Managern in Anzügen gehen dann Startups besuchen in Inkubatoren in Berlin oder organisierten Reisegruppen im Silicon Valley. Mich erinnert das immer an Zoobesuche, wenn dann durch die Gänge geschlichen wird und kopfnickend gesagt wird „Ah, so sehen die also aus“. Das sind immer gestandene Führungskräfte, eigentlich nehmen die nie junge Menschen mit. Die Manager sprechen dann mit Startups und kommen mit dem Eindruck zurück, dass diese jungen Menschen ja spannende Ideen hätten. Viele dieser Ideen könnten die auch ihren eigenen jungen Mitarbeitern entlocken, wenn man nicht so eine große hierachische Hürde aufgebaut hätte. Oft gibt man den Jungen auch das Gefühl, dass sie nur ein winziges Rad in einem großen System sind und demotiviert sie damit komplett. Statt davon auszugehen, dass man von Startups lernen MUSS, wäre die Frage nach dem ‚Warum?‘ angebrachter. Was läuft intern denn schief und wie lässt sich das ändern? Austausch mit anderen Firmen ist sicherlich immer hilfreich, aber wenn der Austausch nur von fünf Managern gepflegt wird und der Rest des Unternehmens davon nichts mitbekommt, dann verpufft der Effekt.

Eingangs habe ich den von Ihnen zitierten Mythos “KI wird Kreativität ersetzen” genannt. Warum ist das ein Mythos?
Das ist so eine pauschale Aussage, die ich auf Konferenzen und Tagungen zur Digitalisierung immer wieder hören muss. So wie die Wikipedia das Lexikon ersetzt hat, wird da argumentiert, dass die KI Kreativität ersetzt, dabei ist das ein schrecklicher Vergleich. Kreativität ist ein unglaublich weites Konzept, das wir in allen unseren Lebensbereichen finden. Wenn uns eine Zutat zum Kochen fehlt, dann sind wir kreativ und improvisieren, wenn ich einen Vortrag halten soll, dann muss ich kreativ sein und mir überlegen, wie ich den aufbaue und wenn jemand einen Roman schreibt, dann ist das auch ein kreativer Prozess. Obwohl das alles ganz unterschiedliche Tätigkeiten sind, brauchen wir für alle Kreativität.

Künstliche Intelligenz ist sehr gut darin, Muster in einem überschaubaren System zu erkennen, deswegen eignen sich Spiele so gut für KI. Jedes Jahr gibt es ja neue Schlagzeilen, dass eine KI ein weiteres Spiel gegen Menschen gewonnen hat. Aber dass eine KI systemübergreifend kreativ ist und auch noch genau versteht, was man haben will ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Ganz abgesehen davon, dass kreative Prozesse für viele Menschen als erfüllend wahrgenommen werden, warum sollten wir das also abschaffen? Viel sinnvoller ist es zu schauen, wie wir Technologien wie KI als Werkzeuge einsetzen können, um Menschen kreativer zu machen. So nutzen Computerspieldesigner aktuell beispielsweise KI, um Spielwelten zu erstellen, so dass sich Entwickler auf andere Aspekte konzentrieren können. Viel spannender als zu sagen KI ersetzt Kreativität, ist es doch sich anzuschauen, wie sich kreative Tätigkeiten im Zuge der immer besser werdenden KI wandeln, wie sieht die Arbeit der Designer in Zukunft aus und wie bilden wir dafür aus? Das finde ich spannend, da gibt es viel zu tun.

Damit sind wir bei einem anderen Thema, das Sie unter die Lupe nehmen: Die Auswirkungen der Digialisierung auf die Wissenschaft. Im Vortrag nannten Sie in diesem Zusammenhang den Mythos „Wissen ist überall verfügbar“ und seine Auswirkungen auf die Grundlagenvermittlung. Was beobachten Sie in diesem Zusammenhang?
Man sagt ja immer so einfach Wissen sei überall verfügbar.Doch eigentlich ist Wissen die Fähigkeit eine Information richtig interpretieren und einordnen zu können. Was wirklich überall verfügbar ist, das sind Informationen, doch die bringen uns nichts, wenn es uns an Kontextwissen mangelt. Aktuell verdoppelt sich unser Weltwissen alle acht Jahre, wir produzieren unglaublich viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Es wird zunehmend schwieriger, das benötigte Kontextwissen noch zu haben. Wissen ist also nicht überall verfügbar, sondern wird immer seltener. In der universitären Ausbildung fällt auf, dass jedes Fach durch die ganzen neuen Erkenntnisse immer voller gepackt wird. Und ich merke, wie das auf Kosten der Grundlagen passiert. Denn wenn wir immer mehr haben, was wir unterrichten wollen, dann haben wir immer weniger Zeit uns um die eigentlich sehr wichtigen Grundlagen zu kümmern. Gerne wird beschlossen, was für Inhalte zusätzlich unterrichtet werden sollten, nur selten wird im Gegenzug äquivalent viel gestrichen.

Im Digitalisierungsrausch wird manchmal vergessen, dass Menschen eine ganz eigene Verfasstheit haben. Mich persönlich hat Ihr Satz “Empathie kann man nicht digitalisieren” daher besonders gefreut. Was bedeutet dieser Satz in einer Zeit, in der die mechanistische Weltsicht doch arge Blüten treibt?
Ich war in einer schottischen Whiskey-Brennerei und habe mit angeschaut, wie die dort Whiskey herstellen. Der Produktionsprozess ist komplett digital überwacht und automatisiert. Das ist ein Whiskey, der weltweit vertrieben wird. Im Schichtbetrieb arbeitet dort immer nur eine einzige Person, die die ganze Produktion steuert. Daneben arbeiten dort 12 Leute, die sich um Touristen kümmern, die die Brennerei sehen wollen. Das Arbeiten mit Menschen können wir durch Technologien unterstützen, wir können Folien an die Wand werfen oder den Menschen Apps für Führungen geben, aber Menschen wollen mit Menschen interagieren. Wir wollen einer Person Fragen stellen und es nicht in einer Liste von FAQs nachlesen und wir wollen, dass eine Person uns spannende Geschichten erzählt, statt uns in einen Raum zu führen und einen polierten Imagefilm zeigt. Ingenieure unterschätzen gerne die Komponente Mensch. Vieles ist technisch möglich, scheitert aber dann am Anwender.

Oft wird gesagt und geschrieben, dass die Digitalisierung die Gesellschaft verändert. Sehen Sie das auch so? Und können Sie beschreiben, was da passiert?
Das wird tatsächlich immer gesagt, ist aber problematisch, weil diese Behauptung so tut als gehe die Veränderung nur von der Technologie aus. Da ist ja eine Kausalität drin, wenn wir sagen Digitalisierung verändert die Gesellschaft. Es schwingt auch eine gewisse Machtlosigkeit in der Aussage mit, denn wenn die Veränderung allein aus der Technologie kommt, dann können wir ja eigentlich nur in den Wald ziehen. Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Technologie wirkt nicht einfach auf eine Gesellschaft ein, sondern ist mit ihr untrennbar verwoben. Wir bekommen die Technolgie nicht aus der Gesellschaft raus, aber wir können sie gestalten. Wir können uns überlegen, wie wir ganz persönlich mit Technolgie umgehen aber auch als Gesellschaft müssen wir uns fragen: Wie wollen wir mit Technologie leben? Wir leben ja in einer unglaublich spannenden Zeit, in der wir viel gestalten können und genau das sollten wir tun, statt das Gefühl zu vermitteln, der Technologie machtlos ausgeliefert zu sein.

ABOUT
Sascha Friesike ist Assitant Professor am KIN Center for Digital Innovation der VU Universität Amsterdam und assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Er hat in Berlin Wirtschaftsingenierwesen studiert, in St. Gallen promoviert und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Design Research in Stanford gearbeitet.
Seine Forschung beschäftigt sich damit, wie Neues entsteht, konkret schaut er sich an, was die Digitalsierung für die Wissenschaft bedeutet und sich kreative Prozesse im Zuge der Digitalisierung wandeln.     https://www.friesike.de/

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Ruth Stubenvoll

Ruth Stubenvoll kam vor 20 Jahren als Quereinsteigerin in die IT. Auf der Basis eines soliden geisteswissenschaftlichen Studiums (Germanistik, Geschichte, Philosophie und Erwachsenenpädagogik) unterstützt sie IT-Unternehmen seither bei der Weiterentwicklung und allen Change-Themen. Sie arbeitet als Beraterin für Kommunikation, als Coach, Mediatorin und Autorin. Erschienen sind von ihr zahlreiche Kolumnen zu Marketing-Themen und 2013 im dpunkt Verlag - zusammen mit Thomas Matzner - "IT-Freelancer - Ein Handbuch nicht nur für Einsteiger", das sich zum Standardwerk entwickelt hat. Ruth Stubenvoll ist Mitglied in der Gesellschaft für Informatik und im German Chapter of the ACM (2010-2014 Mitglied des Vorstands). ---------- Ruth Stubenvoll majored in German Literature, History, Philosophy, and Adult Education. 20 years ago she changed gears and started to work in the field of IT. Since then she consulted with small and medium caps to help in their advancement. She is also an expert in inter-personal communication and mediation and published numerous articles on IT-related marketing. “IT-Freelancer – ein Handbuch nicht nur für Einsteiger” which appeared 2013 in dpunkt Verlag and co-authored with Thomas Matzner became a reference book. Ruth Stubenvoll is a member of the Gesellschaft für Informatik as well as the German Chapter of the ACM (2010-2014 Member of the Board).


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